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Letzte Aktualisierung: 20.September 2016



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Der Fleck

Eines Nachmittags sassen mehrere Schüler in seinem Zimmer. Soji Enku sass in seinem Schreibtischsessel, und alle erzählten viel.


Der Meister sagte nichts, das heisst, er hatte sich so zurückgenommen, dass man ihn gar nicht mehr wahrnahm. Er hatte nur schweigend, scheinbar teilnahmslos und doch alles beobachtend dagesessen. Und auf einmal sagte er: Schaut einmal hier und deutete dabei auf die Wand, was ist denn das für ein hässlicher Fleck da? Wo kommt denn der plötzlich her? Alle schauten dorhin und fragten: Was für ein Fleck? - Da, dieser Fleck. Seht ihr ihn denn nicht? Da ist doch ein Fleck. - Nein, wir sehen keinen Fleck. - Ich seh ihn aber. Der Fleck stört mich unheimlich. Auf einmal nahm er die Brille ab und sagte: Oh, er ist weg. Wieso ist der Fleck auf einmal weg? Dann setze der die Brille wieder auf und sagte: Na sowas, jetzt ist er wieder da. Daraufhin schaute er die Brille an und sagte: Oh, was ist das für ein Fleck auf meiner Brille? Alle waren sehr betreten, denn jeder hatte verstanden. (Wolfgang Kopp)

Geisteskraft

Ein junger Mönch ging in die Stadt mit dem Auftrag, einen wichtigen Brief eigenhändig dem Empfänger zu übergeben. Er kam an die Stadtgrenze und musste eine Brücke überqueren, um hineinzugelangen.


Auf dieser hielt sich ein im Schwertkampf erfahrener Samurai auf, der, um seine Stärke und Unüberwindbarkeit zu beweisen, geschworen hatte, die ersten hundert Männer, die die Brücke überquerten, zum Zweikampf herauszufordern. Er hatte schon neunundneunzig getötet. Der Mönch flehte ihn an, er möge ihn durchlassen, weil der Brief, den er bei sich trug, von grosser Wichtigkeit war: Ich verspreche Euch wiederzukommen, um mit Euch zu kämpfen, wenn ich meinen Auftrag erfüllt habe. Der Samurai willigte ein, und der junge Mönch ging seinen Brief überbringen.


In der Gewissheit verloren zu sein, suchte er, bevor er zurückkehrte, seinen Meister auf, um sich von ihm zu verabschieden. Ich muss mit einem grossen Samurai kämpfen sagte er, er ist ein Schwertmeister, und ich habe in meinem Leben noch keine Waffe angerührt. Er wird mich töten ...

In der Tat wirst du sterben antwortet ihm der Meister, denn es gibt für dich keine Siegeschance. Also brauchst du auch keine Angst vor dem Tod zu haben. Doch ich werde dich die beste Art zu sterben lehren: Du hebst dein Schwert über den Kopf, hältst die Augen geschlossen und wartest. Wenn du auf dem Scheitel etwas Kaltes spürst, so ist das der Tod. Erst in diesem Moment lässt du die Arme fallen. Das ist alles ...


Der junge Mönch verneigte sich vor seinem Meister und begab sich zur Brücke, wo ihn der Samurai erwartete. Dieser dankte ihm dafür, dass er Wort gehalten hatte, und forderte ihn auf, sich zum Kampf bereitzumachen. Das Duell begann. Der Mönch tat, wie ihm der Meister empfohlen hatte. Er nahm sein Schwert in beide Hände, hob es über den Kopf und wartete, ohne sich zu bewegen. Diese Stellung überraschte den Samurai, da die Haltung seines Gegners weder Angst noch Unsicherheit widerspiegelte.


Misstrauisch geworden, näherte er sich ihm vorsichtig. Der junge Mönch war völlig ruhig, allein auf seinen Scheitel konzentriert. Der Samurai sprach zu sich: Dieser Mann ist sicher sehr stark, er hatte den Mut zurückzukehren, um mit mir zu kämpfen, das ist bestimmt kein Anfänger.

Der Mönch, noch immer vertieft, kümmerte sich überhaupt nicht um das Hin- und Herlaufen seines Gegners. Dieser bekam langsam Angst: Das ist ohne Zweifel ein ganz grosser Krieger dachte er, denn nur die grossen Meister der Schwertkunst nehmen von Anfang an eine Angriffsstellung ein. Und dieser schliesst sogar noch seine Augen!


Der junge Mönch wartete noch immer auf den Moment, in dem er die besagte Kälte auf dem Scheitel spüren würde. Währenddessen war der Samurai völlig ratlos, er wagte nicht mehr anzugreifen, in der Gewissheit, bei der geringsten Bewegung seinerseits, zweigeteilt zu werden. Der Mönch wiederum hatte den Samurai völlig vergessen, aufmerksam darauf bedacht, die Ratschläge seines Meisters gut auszuführen und würdig zu sterben. Doch er wurde wieder in die Wirklichkeit zurückgeholt durch das Weinen und Klagen des Samurais:

Tötet mich bitte nicht, habt bitte Mitleid mit mir, ich dachte der König der Schwertkunst zu sein, aber ich habe in meinem ganzen Leben noch nie einen so grossen Meister wie Euch getroffen! Bitte, bitte, nehmt mich doch als Euren Schüler an, lehrt mich den Wahren Weg der Schwertkunst ... (Taisen Deshimaru)

Der Weg des Kriegers

"Vor Jahr habe ich dir eimal gesagt, dass ein Krieger in seinem täglichen Leben sich stets entschliesst, den Weg mit Herz zu gehen. Diese ständige Entscheidung, dem Weg mit Herz zu folgen ist es, was den Krieger vom Durchschnittsmenschen unterscheidet. Er weiss, dass er sich auf dem Weg mit Herz befindet, wenn er eins mit ihm ist, wenn er auf seinem Weg Frieden und Freude findet. Die Dinge, die ein Krieger zu seinen Schilden wählt, sind die Dinge eines Weges mit Herz."

"Aber du sagtest, ich bin kein Krieger, wie kann ich also einen Weg mit Herz wählen? "

P26


... "Ich glaube du sprichst zuviel. Du musst aufhören, mit dir selbst zu sprechen. ... Wir führen ständig ein inneres Gespräch. Ich will dir sagen, worüber wir mit uns selbst sprechen. Wir sprechen über unsere Welt. Tatsächlich halten wir unsere Welt mit unserem inneren Gespräch aufrecht. Wann immer wir aufhören, mit uns zu sprechen, ist die Welt stets so, wie sie sein sollte. Wir erneuern sie, wir stecken sie mit Leben an, wir halten sie aufrecht mit unserem inneren Gespräch. Und nicht nur das, wir wählen auch unsere Wege, indem wir mit uns selbst sprechen. Aber wir wiederholen dieselbe Welt immer wieder bis zu dem Tag an dem wir sterben, weil wir immer und immer wieder dasselbe innere Gespräch führen. Ein Krieger ist sich dessen bewusst und bemüht sich, dieses Gespräch einzustellen. Das ist das Letzte, was du wissen musst, wenn du leben willst wie ein Krieger."

"Wie soll ich aufhören, mit mir selbst zu sprechen ?"

"Vor allem musst du deine Ohren benutzen um deinen Augen etwas von ihrer Bürde zu nehmen. Wir sind von Geburt an gewöhnt, unsere Augen zu benutzen um die Welt zu beurteilen. Wir sprechen mit anderen wie mit uns selbst hauptsächlich über das, was wir sehen. Ein Krieger ist sich dessen bewusst und horcht auf die Welt; er horcht auf die Geräusche der Welt."

"Die Welt ist so-und-so, nur weil wir uns sagen, dass sie so-und-so ist. Wenn wir aufhören uns zu sagen, dass die Welt so-und-so ist, dann wird die Welt aufhören so-und-so zu sein. Im Augenblick, glaube ich, bist du nicht auf einen so plötzlichen Schlag vorbereitet, darum musst du anfangen, die Welt langsam aufzulösen."

"Dein Problem ist, dass du die Welt mit dem verwechselst, was die Leute tun. Auch damit stehst du nicht allein da. Jeder von uns tut das. Die Dinge, die Leute normalerweise tun, sind Schilde gegen die uns umgebenden Kräfte. Was wir als Menschen tun, gibt uns Bequemlichkeit und Macht, so dass wir uns sicher fühlen. Was die Leute tun ist mit Recht sehr wichtig, aber nur als ein Schild. Wir lernen nie, dass die Dinge die wir tun nur Schilde sind und wir lassen sie über unser Leben herrschen und über uns herfallen. Tatsächlich könnte ich sagen, dass das, was die Leute tun, für die Menschheit grösser und wichtiger ist als die Welt selbst."

"Was nennst du die Welt?"

"Die Welt ist alles, was du hier siehst -sagte er und stampfte auf den Boden-. Leben, Tod, Menschen, die Verbündeten und alles andere um uns her. Die Welt ist unbegreiflich. Wir werden sie nie verstehen; wir werden nie ihre Geheimnisse entschlüsseln. Wir müssen sie nehmen als das was sie ist, als reines Wunder! Aber ein durchschnittlicher Mensch tut das nicht. Für ihn ist die Welt nie ein Wunder und wenn er alt ist, dann ist er überzeugt, das es für ihn nichts mehr gibt, wofür er leben kann. Ein alter Mann hat die Welt nicht ausgeschöpft. Er hat nur ausgeschöpft, was die Leute tun. Aber in seiner törichten Verblendung glaubt er, die Welt habe keine Wunder mehr für ihn. Welch erbärmlichen Preis zahlen wir für unsere Schilde!" Ein Krieger ist sich dieser Verblendung bewusst und lernt die Dinge richtig zu sehen. Die Dinge, die Menschen tun können niemals wichtiger sein als die Welt. Darum ist für den Krieger die Welt ein unendliches Wunder und das, was die Leute tun, eine endlose Torheit."

(Don Juan, Carlos Castaneda)


Buddha sprach

Die Essenz der Religion Buddhas ist Bewusstheit. Das Gebet kommt darin nicht vor, weil es keinen Gott gibt. Und es kann kein Gebet geben, weil Beten immer ein Motiv hat. Beten ist eine Form des Verlangens, eine Form der Begierde.

P166


Das Gebet ist tief an der Wurzel des Leidens verborgen. Die Wurzel des Leidens ist, dass wir nicht zufrieden damit sind, wie wir sind. Die Wurzel des Leidens ist, dass wir eine andere Art von Leben möchten, eine andere Situation, eine andere Welt. Die Welt, die vor unseren Augen ist, verblasst im Vergleich zu unseren Phatasien. Der Grund für Leiden ist Phantasie, Verlangen und Hoffnung - und im Gebet sind all diese Gründe vorhanden.

In Buddhas Religion gibt es keine Möglichkeit zu beten. Nur Bewusstheit ist der Schlüssel. Wir müssen darum verstehen, was Bewusstheit ist. Wenn du betest, dann bittest du um etwas. Wenn du meditierst, dann meditierst du über etwas. Wenn du aber bewusst bist, dann bist du einfach in der Mitte deines Seins. Alles andere ist irrelevant. Du bist einfach achtsam. Bewusstheit richtet sich nicht auf ein Objekt. Sie ist reine Subjektivität.

Du verankerst dich im Sein, zentrierst dich im Sein. Du stehst fest im Inneren deines Seins und brennst mit hellem Licht. Deine Flamme ist ohne Rauch. In deinem Licht wird das ganze Leben klar. In jener Klarheit ist Stille; in jener Klarheit hört die Zeit auf. In jener Klarheit verschwindet die Welt, weil es in jener Klarheit weder Verlangen noch Motivation git. Du BIST einfach, ohne irgendetwas zu wollen. Ohne eine Zukunft zu wollen, ohne eine bessere Welt zu wollen. Ohne den Himmel zu wollen, ohne Wissen zu wollen, oder Befreiung. Du BIST einfach nur.


Bewusstheit ist reine Gegenwart, zentriertes Bewusstsein. Buddha geht es nur darum, dass du zentriert wirst, geerdet, eine Flamme ohne Rauch, eine Flamme, die kein Flackern kennt. In jenem Licht wird alles klar, alle Illusionen verschwinden, und alle Träume verlieren ihre Existenz. Und wenn der träumende Geist fort ist, ist die Wahrheit da. Vergiss das nicht: Erst wenn der träumende Geist aufgegeben hat, dann ist Wahrheit da. Warum? Weil der träumende Geist ununterbrochen projiziert und verzerrt, was ist. Betrachtest du eine Sache mit Verlangen, siehst du eine Sache niemals so, wie sie ist. Dein Verlangen treibt dein Spiel mit dir.

aus: Osho (Buddha sprach)



Eines Tages sagt ein Mönch zu Zen-Meister Joshu: 'Ich habe alles von mir geworfen. Nichts ist mehr in meinem Bewusstsein zurückgeblieben. Was sagst du dazu?' Hierauf gab Joshu die unerwartete Antwort: 'Wirf es fort!' Der Mönch betont noch einmal: 'Ich habe dir doch gesagt, dass nichts in mir zurückgeblieben ist. Was soll ich dann fortwerfen?' Da sagt Joshu: 'In diesem Fall musst du es weiter tragen.'

P32


Jenseits aller Worte. Fort mit allem Denken und Erklären. Es gibt nur ein geheimnisvoll schweigendens Verstehen und nichts anderes.

(Huang-po)

P33


Die höchste Wahrheit ist nicht schwierig und lässt keine Wahl zwischen Zweierlei zu.

(Seng-ts'an)

P34


Vielleicht finden wir, wenn alles übrige gescheitert ist, verborgen in uns den Schlüssel zur vollkommenen Wandlung.

(Sri Aurobindo, Savitri)

P46


Wir sind die, auf die wir gewartet haben.

(Hopi-Indianer)

P70


Um zur Freiheit zu gelangen, muss der Mensch lernen, ohne die Fessel der Zeit auf das Leben zu schauen, das eine unendliche Bewegung ist; denn Freiheit liegt jenseits des Bewusstseinsraumes.

(Jiddu Krishnamurti)

P64



Die Welt anhalten ... Die Wirklichkeit unseres alltäglichen Lebens besteht aus einem endlosen Fluss von Wahrnehmungs-Interpretationen.

(Don Juan)

P65



- Wir müssen unseren Geist befreien.
- Wir müssen es uns selbst beibringen.
- Was können wir von uns selbst lernen ?

(Purdeep)

P69

Wenn du hervorbringst, was in dir ist, wird das, was in dir ist, dich retten. Wenn du nicht hervorbringst, was in dir ist, wird das, was in dir ist, dich zerstören.

(Gnosis)

P77

Erwartung und Erfüllung
In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling; still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis.

(Friedrich von Schiller)

P79

Wenn du einen Berg hinauf wandern willst, um dort oben die Wahrheit zu finden oder Gott, oder was immer du suchst, und ein Fluss trennt dich von diesem Berg, dann kann ein Boot sehr hilfreich sein, um den Fluss zu überqueren. Aber derjenige ist ein Narr, der das Boot auf seinem Rücken den Berg hinaufträgt.

(buddhistisches Gleichnis)

P115

Jenseits von Richtig und Falsch liegt ein Ort, dort treffen wir uns

(Rumi)

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